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Ein Prozess und ein Rückzug

Ein Prozess und ein Rückzug

vor 7 Tagen und 15 Stunden

Wenn ich keine Familie um mich herum hätte, dann würde ich, wie früher beim Malen, ununterbrochen produzieren, produzieren, produzieren. Und ich würde mich permanent darüber ärgern, dass mein Wissensinput zu klein ist und ich zu langsam mit dem Nachschub hinterherkomme. Wenn ich male, denke ich und sortiere meinen Kopf.

 

Das Gleiche passiert, wenn ich kilometerlang marschiere. Es gibt einen bestimmten Punkt beim Gehen und Laufen, an dem der Schwung die Beine und den gesamten Körper so mitnimmt, dass ich – wenn der Rhythmus nicht unterbrochen wird – wie eine Maschine ohne Anstrengung laufen könnte. Rein vom Bewegungsapparat her. Ich bin dann wie ein Mobile in perfekter Balance, es kostet keine Kraft. In diesen Momenten bekommt mein Kopf Raum. 
Ich glaube fest daran, dass mein Umfang um meinen Körper herum – diese nicht sichtbare Weite – sehr viel echten Raum einnimmt. 
Wenn ich manche Menschen laufen sehe, denke ich nur: „Verdammt, wie ineffizient. Sucht euren Schwung!“


Ich habe Phasen von dunklen Tagen. Sie grenzen an eine psychische Lähmung. Wahrscheinlich habe ich in dieser Zeit meine Protonen im Kern nicht gefüttert, und die Elektronen laufen als einsame Läufer im Raum auf der Suche nach mehr. Aber irgendwann kommt endlich ein Impuls und setzt mich wieder in Bewegung. Dann bin ich plötzlich in der Lage, in etwa drei Wochen über 20 große Ölbilder zu malen.

Aus purem Platzmangel hingen diese Formate (ca. 80x100 cm) damals an einer Wäscheleine im Atelier und trockneten vor sich hin, als ich dringend mehr Bilder für meine Ausstellungen in Brüssel brauchte. 
Ich habe sie dann „noch warm“ – also völlig nass und ohne Schlussfirnis – nach Brüssel nachgeliefert. 
Ich hatte dort mit einer Ausstellung im Europäischen Parlament angefangen und wurde danach von Erfolg zu Erfolg bis zu Dominique Rigo durchgereicht.


Doch genau dort erkannte ich, dass es nicht reicht. 
Ich brauche fundamentalen Input, um diesen Output geben zu können. 
Ich male nicht kontinuierlich. 
Mein Professor an der Akademie malte vormittags bis zur Pause und nachmittags starr weiter – mit einer Regelmäßigkeit wie beim Zähneputzen. 
Das kann ich nicht. Ich muss laufen, stöbere, starre Dinge und Menschen an mit der ewigen Frage, wie das alles im Innersten funktioniert. 
Ich stelle mir Systeme vor, frage, gleiche ab, korrigiere meine Gedanken und verknüpfe Dinge auf meine ganz eigene Art, die anscheinend nicht viele Menschen in einen Zusammenhang bringen. 
Und wenn dann die kritische Masse erreicht ist, male ich. Explosiv und auf einen Schlag, bis im System wieder Ruhe einkehrt.

 

Danach verließ ich den reinen Kunstbetrieb für eine Weile und ging tiefer in die europäische Struktur. 
Bis circa 1999 wirkte ich im Projekt „Eyes of Europe“ mit – einem interdisziplinären Konstrukt aus europäischen Telekommunikations-Experten, Rechtsanwälten, Technikern, Notaren und Pädagogik-Professoren, die an einem offiziellen Weißbuch zum europäischen Lernen arbeiteten. 

In Brüssel habe ich schließlich alle Bilder einfach stehen lassen. Ich bin abgereist.

Nachdem ich aus Brüssel abgereist war, zog ich im Rahmen des Projekts und für meine spätere Arbeit eine Weile durch Europa – über Den Haag, Lille, Dortmund und Berlin, bis ich schließlich fest ins Ruhrgebiet zog. Bis circa 1999 wirkte ich im Projekt „Eyes of Europe“ mit – einem interdisziplinären Konstrukt aus europäischen Telekommunikations-Experten, Rechtsanwälten, Technikern, Notaren und Pädagogik-Professoren, die an einem offiziellen Weißbuch zum europäischen Lernen arbeiteten. Ich selbst habe das Weißbuch nicht geschrieben, sondern war als der zentrale Organisator im Hintergrund für die Umsetzung und Zusammenführung zuständig – immer nach Anweisung des Ideengebers und Initiators. Aus dieser intensiven Zeit nahm ich ein enormes, dichtes Systemwissen mit.

Dieses Fundament war so stark, dass ich danach erfolgreich als Projektleitung und bis 2013 – unterbrochen von den Elternzeiten für meine 4 Kinder – bei IKEA im Ruhrgebiet als Abteilungsleitung für Interior Design und Visual Merchandising arbeiten konnte. Dort faszinierte mich über Jahre hinweg vor allem das Erkennen und Entschlüsseln der hochkomplexen psychologischen Raum-Strategien, die IKEA im System umsetzt – eine Kunst, die kaum ein Mitarbeiter in ihrer Tiefe begreift. Ich ordnete Strukturen im Raum und im Design.

Deswegen ging ich den Schritt weiter in die digitale Struktur: 
Nach intensiven Schulungen in Web- und Mediendesign, HTML und CSS, Projektmanagement sowie entscheidenden Bereichen für das Verständnis, wie eine Programmiersprache funktioniert, bin ich seit 2015 endgültig angestellt bei TIV-Consulting tätig. 
Diese Arbeit hat mich intensiv darauf aufmerksam gemacht, wie haargenau man Räume bemessen muss, um ein Layout nicht zu sprengen: 
Ein einziger Pixel genügt, um eine Struktur aufzulösen und ein Chaos anzurichten. 
Ich begriff die unsichtbaren Mechanismen der Verdichtung im Analogen wie im Digitalen, in der Raumpsychologie wie im Programmiercode.

Bis heute habe ich nie wieder nach diesen Bildern geschaut. 
Ich habe nur über Ecken gehört, dass ein Bild in einer Brüsseler Bank hängt, ein anderes irgendwo anders. 
Ich habe es nie verfolgt. Davor hatte ich meine Elefanten-Gemälde und Porträts sogar ziemlich erfolgreich verkauft und konnte mich immer irgendwie finanzieren.
Mich interessiert und ich benötige den Prozess, aber jedes von mir geschaffenes Werk ist ein reales Stück meiner Energie. 
Heute brauche ich den Gegenwert dieser physischen Masse, um meine Familie abzusichern und mir den Freiraum für die wissenschaftliche Forschung überhaupt erst zu erkämpfen.

Mich interessiert und ich benötige ausschließlich den Prozess. 
Was fertig ist, ist fertig. 
Obwohl ich der Überzeugung bin: Niemals ist irgendetwas wirklich fertig.